Dani Kobi, Grafiker und Art Director
„Obwohl ich beruflich viel mit Fotografie zu tun habe, hat sie mich bis vor ein paar Jahren nie besonders interessiert. Es war mir egal, was für eine Kamera, welches Licht und was für einen Film oder welche Software ein Fotograf verwendete. Hauptsache, wir bekamen das angestrebte Bild schön hin. Das änderte sich im Jahr 2015, wie man aus der Antwort auf die erste Frage erfährt.“
Wer oder was war Deine Inspiration für den Einstieg in die analoge Fotografie?
„Reiner Zufall. Im Frühling 2015 lief ich in Zürich am Foto Ganz vorbei, wo fünf Rolleiflex Kameras im Schaufenster ausgestellt waren. Ich fand sie als Objekte wunderschön. Eine davon – eine 3.5 F – hatte einen integrierten Belichtungsmesser und war nicht ganz günstig. Als ich zwei Wochen später wieder ins Schaufenster schaute, waren die anderen vier Rolleiflex bereits weg. Nur die 3.5 F war noch da. Also ging ich rein, liess sie mir erklären, legte einen Schwarzweissfilm ein und hopp de Bäse. Seither kamen weitere Kameras von 35 mm bis 8 × 10 inch und eine veritable Dunkelkammer hinzu. Es ist zu einem Obsessiönchen geworden.“

Welche Kamera ist Deine absolute Traum-Analogkamera und warum?
„An der analogen Fotografie liebe ich hauptsächlich die Vielfalt. Die Vielfalt der Formate, Filme, Verfahren und Kameras. Ich kann mich nicht auf eine Kamera beschränken. Es sind alles Traumkameras. Wenn ich nur mit einer Kamera arbeiten müsste, wäre es wohl die Rolleiflex, da es meine erste Liebe war.“

Die Art und Weise wie Du fotografierst vermittelt mir den Eindruck, dass Du Dir genau überlegst, wie und aus welchem Winkel Du Landschaften und „Stadtsituationen“ ablichtest. Gehst Du konzeptionell vor, oder eher spontan?
„Die Motivwahl ist stets spontan. Der profanste und unspektakulärste Ort der Welt kann sich in besonderen Momenten und bei schönem Licht in einen aussergewöhnlichen Ort verwandeln, manchmal nur für ein paar Sekunden. Man muss wirklich an die Situationen heranlaufen. Das Abdrücken ist dann meist weniger spontan. Noch einen Zentimeter nach rechts, einen halben runter, einen Schritt zurück, doch eine andere Brennweite … Ich frame ja im Sucher, nie nachträglich.
Bei der ersten Situation entscheide ich mich jeweils für einen passenden Film und hoffe, dass dieser auch für die nächsten Sujets passen wird. Blöd ist beispielsweise, wenn man einen Schwarzweissfilm eingelegt hat und dann steht da plötzlich dieses knallrote Auto einsam vor dieser riesigen knallroten fensterlosen Fassade. Hätte ich doch bloss einen Ektar 100 eingelegt!“

Welche Art der (Analog) Fotografie ist für Dich emotionaler. Schwarzweiss oder farbig?
„Oh, das kann ich nicht sagen. Die emotionale Verbindung zu einem Bild hängt mit der Geschichte hinter dem Bild zusammen. Wie ist es entstanden? Was habe ich dort gerade empfunden? Welche Eindrücke prägten den Moment? Hinzu kommt schon auch die chemische Entwicklung eines Bildes. Zu einem Grossformatbild, dass ich in der Wanne entwickelt und dabei die ganze Zeit mit den Händen im Dunkeln berührt habe, habe ich einen etwas stärkeren Bezug, als zu einem Bild, welches im externen Labor entwickelt wurde. Aber entscheidend ist die Geschichte hinter der Aufnahme.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass man hauptsächlich in der Landschaft bei ausgedehnten und strapaziösen Wanderungen im Moment eine Ergriffenheit und Verbundenheit mit der fotografierten Umgebung spüren kann, die sich enttäuschenderweise nicht zwangsläufig im Foto widerspiegeln muss.“

Angenommen Du gehst auf eine Reise und müsstest Dich für einen einzigen Filmtyp entscheiden, welchen würdest Du wählen und warum?
„Wieder so eine fiese Frage für jemanden, der sich nicht entscheiden mag. Also gut: Für Farbe den Fuji Pro 400H, der seit diesem Jahr leider nicht mehr hergestellt wird. Noch habe ich ein Tiefkühlfach voll davon. Er ist der neutralste aller Farbfilme und für jede Situation geeignet, sowohl bei gedämpftem Licht, praller Sonne, Landschaft, Stadt oder Porträt. Ausserdem ist er farblich kühler als der Portra 400, der seit vielen Jahren en vogue ist. Für Schwarzweissfotos, die ich scanne, ist der Fuji Acros100 meine erste Wahl. Er ist sehr feinkörnig und mein Entwicklungsprozess ist auf diesen Film abgestimmt. Vergrössern tue ich allerdings lieber den Kodak Tri-X 400 wegen des schönen Korns auf dem Papier. Korn im Scan sieht etwas komisch aus. Auf dem Papierabzug ergibt grobes Korn durch die Lichtstreuung das Vergrösserers eine wunderschöne Struktur.
Grundsätzlich finde ich, dass es für jede Situation einen passenden Film gibt, der die besondere Stimmung und die entsprechenden Farben oder Grautöne zusätzlich betont.“

Fotografierst Du die Welt mit einer analogen Kamera anders als mit einer digitalen?
„Ausser meinem Handy besitze ich keine digitale Kamera. Eine digitale Kamera hat mich als Hobby nie gereizt. Ich würde wohl weniger die Luft anhalten und warten, um im entscheidenden Moment abzudrücken, sondern am Computer eine Auswahl aus einer Serie des gleichen Motivs treffen. Und dabei den filmspezifischen Look vermissen.“

Hast Du auch beruflich mit der Fotografie zu tun, wenn ja, ausschliesslich digital oder machst Du auch analoge Projekte?
„Beruflich arbeite ich als Grafiker stets mit Profifotografen zusammen. Ich würde nie selbst ein Plakat oder Ähnliches fotografieren, höchstens Content. Ein Profifotograf kann ein angestrebtes Bild viel besser umsetzen und darüber hinaus noch was rauskitzeln. Und nicht jeder Fotograf ist automatisch ein guter Foodfotograf oder Modefotograf oder Autofotograf, etc. Im beruflichen Kontext wäre analoge Fotografie heutzutage zu teuer und ineffizient. Ausserdem werden wir heute viel mehr kontrolliert. Dass man das endgültige Bild erst Tage später sieht und erst noch nur auf einem Kontaktbogen, wäre für die meisten Auftraggeber heute nicht mehr denkbar. Die analoge Fotografie liess den Fotografen mehr kreativen Freiraum auch für Unerwartetes. Heutzutage sieht der Kunde am Monitor jeden Schuss und dieser kann sogleich nachbearbeitet werden.“

Wenn Du drei grossartige Analogfotograf/innen nennen müsstest, welche drei wären das und warum?
„Zum Glück darf ich wenigstens drei nennen: Das facettenreiche und intime Werk von Sally Mann, die eindringlichen Porträts der lettischen Fotografin Inta Ruka und die Strassenfotografie eines Willy Spiller, die sowohl Kunst als auch Reportage ist.“

Ich habe den Eindruck, dass die analoge Fotografie in den letzten Jahren ein großes Revival erlebt. Siehst Du das auch so und was könnte aus Deiner Sicht der Grund dafür sein?
„Absolut. Seit ca. 5 Jahren – ironischerweise befeuert durch Social Media – verbreitet sie sich sogar explosionsartig. Es ist chic geworden, sich eine analoge Kamera umzuhängen und damit zu flanieren. Eine Contax T2 ist mittlerweile so hip und teuer, dass sie schon prätentiös wirkt. Bei mir war es ja sozusagen auch das „Accessoire“, die zeitlos schöne, solide, klassische Rolleiflex, die mich getriggert hat. Aber es geht gar nicht so sehr um ein Mode-Accessoire. Es ist eine offensichtliche Sehnsucht nach dem Analogen da, die nicht nur die Fotografie erfasst hat. Allein die Tatsache, dass weltweit wieder mehr Vinyl Alben als CDs verkauft werden und die Presswerke die Nachfrage nicht mehr befriedigen können, spricht Bände. Man sieht es aber auch in anderen Bereichen. Agenden aus Papier beispielsweise, wo man die Termine von Hand reinschreibt, erfreuen sich ebenfalls grösserer Beliebtheit.
Der Grund ist sicher eine viel grössere Sinnlichkeit des Analogen gegenüber dem Digitalen. Mit einer Super 8 Kamera oder gar einer 16 mm Bolex zu filmen, dabei das Rattern zu hören und den Film anschliessend von Hand zu schneiden und zu kleben ist ein sinnliches Erlebnis erster Güte. Das Mechanische, Haptische, Nachvollziehbare, der Geruch, ich würde sagen das „Feste“ ist es, was in der digitalen Welt verloren ging. Analoge Dinge wie ein Buch sind einfach da, präsent in unserem Alltag und nicht als Bits und Bytes irgendwo auf einem Rechner, in einer Cloud oder in den unendlichen Weiten des www gespeichert.“

Mehr über Dani Kobi erfahren
Erzähl uns bitte von einem analogen „Traum-Fotoprojekt“, das Du irgendwann gerne verwirklichen möchtest.
„Oh. Das gibt es. Aber … Ich würde es gerne noch für mich behalten. Grob gesagt würde ich gerne wieder mehr mit Menschen arbeiten.“
Vielen Dank Dani, es war mir ein Vergnügen Dich zu interviewen!






